Interview im Federwelt-Newsletter

25.01.12

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Ich bin in der Rubrik "3 Fragen an ..." vertreten und plaudere ein wenig über meine Faszination für Sprachen, meinen schriftstellerischen Werdegang und meine zukünftigen Pläne:

 

Olga, dein Lebensweg als Autorin ist ja ungewöhnlich. Du kommst aus Sankt Petersburg und hast erst in den 90ern das erste Mal Deutsch gelernt, bis du einige Jahre später zunächst nach Berlin und dann nach Schleswig-Holstein gezogen bist,  und nun schreibst du sehr erfolgreich Romane auf Deutsch. Woher diese Faszination und die Kompetenz in dieser doch recht schwierigen Sprache? Warum schreibst du eigentlich auf Deutsch und nicht auf Russisch? Stellst du spezielle Unterschiede fest, in der Art und Weise, in der du dich in beiden Sprachen ausdrücken kannst und wie sie für dich zum Schreiben geeignet sind?

Anfangs gingen meine Faszination für die deutsche Sprache und meine Liebe zum Schreiben getrennte Wege. Zwar habe ich bereits nach einer Woche Deutschunterricht angekündigt, dass ich einen Roman in der deutschen Sprache verfassen möchte, doch bei aller Naivität, die ich mit 11-12 Jahren an den Tag gelegt habe, war mir klar, dass dies kein realistisches Ziel ist. So habe ich in meiner Freizeit Romane, Gedichte und Kurzgeschichten in meiner Muttersprache geschrieben, und in der Schule Deutsch gelernt. Die Faszination zur deutschen Sprache habe ich erst im College verspürt, als ich von meiner Deutschlehrerin dazu motiviert wurde, Bücher und Filme ohne Wörterbuch zu lesen bzw. zu sehen, damit ich lerne, Unbekanntes aus dem Kontext zu verstehen. Nach dem College-Abschluss bin ich nach Deutschland gegangen. Das Schreiben wollte ich nicht aufgeben, doch wer sollte hier meine russischen Texte haben wollen? Für mich war der Entschluss ganz logisch, dass ich ab jetzt auf Deutsch schreiben muss. Zuerst habe ich viel Unterstützung durch ein paar Freunde erhalten, dann habe ich mich in Kurzgeschichtenforen angemeldet und viel hilfreiches Feedback bekommen. Einen großen Schritt nach vorne stellte für mich das Montségur-Autorenforum dar. Nach und nach habe ich also das Handwerk gelernt.
Deutsche und russische Sprachen unterscheiden sich voneinander nicht nur in der Grammatik, sondern vor allem im Rhythmus und der Melodie. Man kann das eine nicht ohne Weiteres in das andere transportieren. Und gerade beim Schreiben spielen Rhythmus und Melodie des Schreibstils eine große Rolle.
Ich kann deutsche Texte schreiben, die Anklang bei Lektoren finden und schließlich gedruckt werden. Dies könnte ich auf Russisch nicht von heute auf morgen machen, ohne zuvor viele Teile des Handwerks neu zu lernen.

Auch deine schriftstellerische Karriere ist erstaunlich. Nach deinem Debüt im Sieben Verlag bist du sehr schnell bei einer Literaturagentur (Schmidt & Abrahams) untergekommen und hast inzwischen drei Romane bei Heyne veröffentlich, zwei weitere erscheinen dieses Jahr bei Heyne und Lyx. Parallel dazu schreibst du Kurzgeschichten und bist allgemein im literarischen Betrieb sehr aktiv. Hast du das Gefühl, du hast den Traumjob deines Lebens gefunden? Läuft deswegen wie von selbst? Oder ist damit auch viel Mühe und manchmal Glück verbunden?

Als ich 16 Jahre alt war, habe ich verkündet, dass ich Schriftstellerin werden möchte. Mein fünf Jahre jüngerer Bruder hat damals jedoch um einiges mehr Realitätssinn bewiesen und meinte, ich würde es nicht schaffen. Wir haben gewettet: Wenn ich bis zum 50. Geburtstag 5 Romane veröffentliche, zahlt er mir 50.000 Rubel. Für meine Dystopie "Der Tag, an dem meine Schwester Dämonin wurde" habe ich im Heyne-Verlag  die Titeländerung vorgeschlagen, aber "Der Tag, an dem mein Bruder zahlen musste" hat sich leider nicht durchgesetzt.
Ja, Autorin zu sein war schon immer ein Traum gewesen. Mit meinem heutigen Wissen würde ich diese Wette jedoch nicht mehr so leichtfertig annehmen. Neben intensivem Lernen des Handwerks, Ausdauervermögen und Disziplin braucht man natürlich auch jede Menge Glück. Manchmal geht es nur um den berühmten Funken, der auf die Agenten und Lektoren überspringt – oder auch nicht. Nichtsdestotrotz kann man den Weg zu diesem Funken ebnen, wenn man gewillt ist, an sich und seinen Texten zu arbeiten.

Auf deiner Homepage steht, du schreibst Urban Fantasy, Romantasy, Romantic Thrill. Was fasziniert dich konkret an diesen Genres? Wirst du bis auf weiteres dabei bleiben, oder können Leser demnächst auch ganz andere Überraschungen von dir erwarten? Krimis? Historische Romane? Thriller? Jugendbücher? Was ist dein Ziel als Schriftstellerin?

Die Grenzen zwischen verschiedenen Genres können sehr fließend sein. Viele Jugendbücher sind in der Fantastik angesiedelt, zwischen Romantasy und Romantic Thrill dient die Liebesgeschichte als Verbindungselement. Fantasy fasziniert mich vor allem deshalb, weil sie mir die Möglichkeit bietet, Mystisches vor meiner eigenen Tür zu entdecken. Was ist, wenn in den Katakomben des ehemaligen Pesthofes tatsächlich Metamorphe untertauchen würden wie in meiner Schattenseelen-Trilogie? Sogleich sieht man die Welt mit ganz anderen Augen.
Obwohl die Liebesgeschichte immer eine Rolle in meinen Romanen gespielt hat, stellte der Sprung von Urban Fantasy zu Romantic Thrill eine überraschend große Herausforderung für mich dar. "Im Visier des Todes" (Lyx) habe ich mir als Ziel gesetzt, sowohl den Thriller-Part als auch die Liebesgeschichte dicht miteinander zu verweben. Beide Parts sollten einander nicht überschatten: Weder die Suche nach dem Mörder, der die letzten Stunden seines Opfers in einem makabren Fotoshooting festhält, noch die Beziehung zwischen Kay, einem der gefragtesten Fotografen der Modebranche, und Leah, einer jungen Frau, die die neuste Kleiderkreation von Roberto Cavalli vollkommen modeunbedarft mit dem Rückenausschnitt nach vorne anzieht. Deshalb habe ich bei der Planung gleich drei Plots erstellt: Der Verlauf des Thrillers, die Entwicklung der Gefühle und die erotischen Szenen, die die Beziehung der beiden Figuren jeweils auf eine andere Ebene bringen – vom vorsichtigen Herantasten aneinander bis zum vollsten Vertrauen. Anschließend habe ich diese drei Plots miteinander über mehrere Schlüsselpunkte verknüpft, so dass kein Part ohne den anderen existieren kann, weil die Teile davon einander als treibende Kraft dienen.
Bei der Arbeit an "Im Visier des Todes" habe ich sehr viel gelernt, nicht zuletzt dank der großartigen Unterstützung meiner Lektorin Alexandra Panz, die mir während der Entstehung wertvolle Hinweise gegeben hat.
Mein Ziel als Schriftstellerin ist, mich weiterzuentwickeln und neue Aspekte des Schreibens und des Handwerks zu entdecken. Zuletzt hat mich die so genannte "E-Literatur" ein großes Stück nach vorne gebracht, denn sie hat mir sehr interessante Mittel aufgezeigt, so dass ich an meiner Schreibtechnik weiterfeilen konnte. So habe ich einen frischen Blick auf den Einsatz von "Tell"-Methoden bekommen (z. B. durch Bücher von Ralf Rothman und Ferdinand von Schirach), über die Nähe und Distanz zu den Figuren nachgedacht (durch "Vom Atmen unter Wasser" von Lisa-Marie Dickreiter) oder interessante Erkenntnisse über Texte, die ganz ohne Anführungszeichen geschrieben worden sind, gewonnen ("Die Entdeckung der Currywurst" von Uwe Timm oder "Kleiner Vogel, klopfendes Herz" von Miriam Toews). Diese Bücher haben mein Gefühl für die Sprache noch mehr geschärft. Auch Diskussionen mit Kollegen sind unglaublich inspirierend und bereichernd für mich. Egal, wie weit man ist – es gibt immer etwas zu lernen. Man sollte bereit sein, über den Tellerrand zu blicken und offen für neue Möglichkeiten zu sein.

Das Interview führte Andreas Wilhelm.

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