Die literarische Raffinesse der Nüchternheit

17.12.11

Auf Ferdinand von Schirach bin ich durch Angelika aus dem Montségur-Forum aufmerksam geworden. In einem Thread über die Details in Krimis hat sie zwei kleine Ausschnitte gepostet, die durch eine trockene, ja, passive Erzählweise auffallen. Der erste Ausschnitt hat für mich gut funktioniert, der zweite nicht – letztendlich wollte ich aber wissen, wie dieser distanzierte Stil in einer seiner Erzählungen allgemein wirkt und was man dadurch erreichen kann. Leider bin ich die ganze Zeit nicht dazu gekommen, ein Buch dieses Autors zu lesen.

Vorgestern erreichte mich aber eine kleine Sendung des Piperverlags. Mit welcher Überraschung habe ich darin ein kleines Weihnachtsgeschenk entdeckt – die Kurzgeschichte „Der Bäcker“ von Ferdinand von Schirach! An dieser Stelle: Ein riesengroßes Dankeschön an die Presseabteilung des Verlags für diese unerwartete Freude.

„Der „Backshop“ sah aus wie alle anderen dieser Kette, ein Franchiseladen, schlüsselfertig, nur ein paar durchdachte Quadratmeter. Die Teiglinge wurden jeden Morgen mit einem Lieferwagen gebracht, dann standen sie in grünen Plastikpaletten im Flur des Hauses und tauten langsam auf. Kuchen und Mandelhörnchen waren mit weißem Zuckerguss überzogen, der an den Fingern klebte. Der Kaffee kam aus einem Edelstahlblock, auf dem „Kaffeespezialitäten-Vollautomat“ stand. Die Maschine machte hässliche Geräusche, wenn sie die Milch einsaugte. Der Bäcker war dick, rotes Gesicht, kleine Hände, die Fingerknöchel nur Löcher im Handrücken.“

Das erste, was man als Schreibanfänger lernt, ist: aktiv schreiben! Das bedeutet, alle „war“, „wurde“, „hatten“ zu vermeiden, nur die stärksten Beschreibungen zu nehmen, und natürlich: zeigen statt erzählen. Ferdinand von Schirach erzählt dagegen – ruhig und bedacht, und trotzdem schafft er es, ganz konkrete Bilder zu zaubern. Er nimmt durchaus die stärksten Wörter für seine eher leise Erzählung – nur setzt er sie nicht bei Verben ein.

Furchtbar aufregend wird sein Stil nicht, doch obwohl der Protagonist immer der namenlose „Bäcker“ bleibt, spüre ich als Leser eine Bindung zu diesem Mann, bin zusammen mit ihm traurig oder melancholisch, wünsche ihm Glück … Obwohl Schirach mich nie zu nah an die Figur heranlässt.

Die Nüchternheit dieser Erzählung, der monotone Rhythmus ziehen sich durch das ganze Büchlein und geben wunderbar das „schlüsselfertige Franchise-Dasein“ eines ehemaligen großen Konditors wieder. Am Ende wartet die Pointe. Ebenfalls nüchtern und trocken vorgetragen, doch gerade dadurch entfaltet sie ihre volle Wirkung und schockiert, so dass man diese kleine Geschichte nicht so leicht vergisst. Erst da wird einem der ganze Ausmaß Schirachs Könnens als Autor klar – und man kann nur völlig beeindruckt zu ihm hochsehen.

„Der Bäcker“ hat mich dazu bewegt, diesen auf den ersten Blick sehr distanzierten Stil näher zu betrachten. Wie funktioniert er? Wo kann man ihn einsetzen? Zwei Punkte kristallisieren sich heraus: Wie? – eher schwache Verben, aber umso präzisere Beschreibungen/Bilder drum herum (schwierig, schwierig). Wo? – um den Schockeffekt der Pointe zu betonen. Natürlich ist das alles nicht so einfach, wie es sich anhört, und die Möglichkeiten gehen noch weiter. Aber um sie aufzuspüren, muss ich noch stärker in die Materie einsteigen, was mit einer Kurzgeschichte nicht getan ist. Das Thema erscheint mir jedoch sehr interessant, so dass ich mich damit auf jeden Fall weiter beschäftigen werde.

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